Damals in Lippe

Geschichten von früher.

Archiv für den Monat “April, 2015”

Die neue Straße durchs Holzkamp

Nach dem Hochwasser von 1928 musste einiges repariert oder erneuert werden. Zum Beispiel mussten die Rohre, die den Bach unter der Straße durchließen, vergrößert werden. Hier war ja die Brücke, über die die Straße führte. Man beschloss im Gemeinderat, Rohre mit einem Durchmesser von 100 cm zu verlegen, damit eine weitere Überschwemmung ausgeschlossen werden konnte. Dazu musste die Brücke aber neu gemacht werden. Es war auch beschlossen worden, die Straße durch das Holzkamp zu erneuern, da sie in keinem gutem Zustand war.

Es dauerte nicht lange, da wurde mit der Arbeit begonnen. Die Brücke wurde mit Betonrohren versehen. Dann nahm man die Straße, die von der Grester Straße bis durch das Holzkamp führte, in Angriff. Eine Gleisanlage für Lorenwagen wurde verlegt; damit wurden die Steine für die Brücke und Straße transportiert. Für die Arbeit wurden Arbeitslose eingestellt, von denen es in der schlechten Zeit damals viele gab.

Das alles war für uns Kinder sehr aufregend. Vor allem die Lorenwagen waren für uns etwas ganz Neues. Die Steine, jeder etwa so groß wie ein Fußball, mussten noch zerkleinert werden. Hierfür bekamen die Arbeiter einen kleinen Hammer mit einem langen Stiel, so dass man im Stehen den Stein in kleine Stücke zerlegen konnte. Diese wurden zum Ausfüllen der Lücken benötigt. Das war mühselige Arbeit.

Wenn dann Feierabend war, wurden die Lorenwagen am tiefsten Punkt der Bahn abgestellt. Ein dicker Stock wurde zwischen die Räder gesteckt, damit sich der Wagen nicht selbstständig machen konnte. Wenn die Arbeiter Feierabend hatten und nach Hause gingen, haben wir Kinder uns die Wagen genau angesehen. Das waren Wagen, bei denen man die Ladefläche nach zwei Seiten kippen konnte. Jetzt kamen einige von den „Großen“ auf die Idee, mit dem Lorenwagen zu fahren. Wir hatten ja gesehen, dass die Wagen nicht abgeschlossen wurden. Jetzt wurde beschlossen, einen Wagen wieder zurück bis zur Grester Straße zu schieben, um dann den „Berg“ runter ins Holzkamp zu fahren.

Jetzt waren alle Kinder – wir waren ungefähr zu zehnt – aufgefordert, zusammen den Wagen zur Grester Straße zu schieben. Hierbei durften wir kleinen Kinder sogar mitschieben. Mit großer Mühe haben wir die Lore nach oben geschafft.

Nun sollte die Talfahrt beginnen. In die Ladefläche wollte keiner. Die Großen stellten sich dann auf den äußeren Rahmen. Dann „durften“ wir Kleinen den Wagen anschieben. Da ja ein Gefälle da war, wurde der Wagen bald von selbst schneller, und es brauchte nicht mehr geschoben werden.

Nur an Bremsen hatte keiner mehr gedacht, der Wagen wurde immer schneller. Da die „Großen“ auf dem Rahmen es mit der Angst bekamen, sprangen sie kurz vor Ende der Strecke vom Wagen. Der sauste immer schneller zum Ende der Schienenstrecke und sprang dort aus den Schienen. Er kippte natürlich und stürzte – ich glaube, in die Wiese von August Schewe.

Wir konnten den Wagen nicht wieder auf die Geleise bringen. Ausreißen konnten umso schneller. Die Angst saß uns im Nacken. Es war zwar nichts kaputt gegangen, aber am anderen Tag war die Hölle los. Die Arbeiter mussten die Lore mit ein paar Männern wieder auf die Schienen heben. Einen Tag danach haben die Männer die Lorenwagen dann mit Kette und einem Schloss versehen. Wir haben uns ein paar Tage nicht mehr sehen lassen.

An einem der nächsten Tage mussten wir Holzkämper uns in der Schule eine gewaltige Standpauke anhören. Woher die Lehrer von dieser „Talfahrt“ mitbekommen hatten, wurde uns nicht bekannt. Wir waren noch einmal ohne Blessuren davongekommen.

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Konfirmation

Meine Kindheit ging nun über in die Jugendzeit. Ein paar Jahre hatte ich noch, bis ich zu den ganz Großen gehörte, aber die Schulzeit ging für uns langsam zu Ende. Nun hatten wir auch noch den Konfirmanden-Unterricht. Wir mussten einmal in der Woche nach Oerlinghausen zum Unterricht hin, der beim Pastor in der Sakristei stattfand, im Vorraum der Kirche. Darauf hatten die meisten von uns keine Lust.

Wer kein Fahrrad hatte, musste zu Fuß gehen. Wir versuchten immer, eine Entschuldigung für unser Schwänzen zu finden, vor allem, wenn das Wetter schlecht war. Im Winter, wenn es geschneit und gefroren hatte, konnten wir angeblich den Stöhnebrink wegen Rutschgefahr nicht hoch kommen. Das war für uns eine gute Entschuldigung.

Hin und wieder hatten wir in der Kirche Unterricht. Bevor der Pastor kam, machten wir so manchen Unsinn. Man stieg auf die Kanzel und versuchte, eine Predigt zu halten. Es waren aber auch Kinder da, die das Ganze sehr ernst nahmen – Kinder von Eltern, die jeden Sonntag zum Gottesdienst gingen.

Als der Tag der Konfirmation kam, bekam ich einen richtigen Anzug – das heißt, der Anzug hatte eine lange Hose! Das war für die meisten von uns die erste lange Hose. Jetzt fühlten wir uns schon wie Erwachsene. Der Ernst des Lebens fing jetzt erst richtig an.

Allerdings mussten wir auch aufpassen, dass wir alles behielten, was man uns versucht hatte beizubringen. Nach der Befragung inder Kirche vom Pastor kam für uns zuhause die Feier der Konfirmation. Es war bei mir keine große Angelegenheit: Die nächsten Angehörigen waren eingeladen, es war das übliche Kaffeetrinken. Meine Schwester hatte mit meiner Mutter Kuchen und Torten gebacken. Die Feier fand mit zehn Personen in unserer kleinen Wohnküche statt und zog sich bis zum Abend hin.

Mein Opa

Mit der Zeit wurde ich wissbegieriger. Lesen konnte ich ja auch schon früh. Ich fing an, mir Bücher zu leihen oder – von meinem bisschen Taschengeld – sogenannte „Schmöker“ zu kaufen, die nicht so teuer waren.. Das Geld für richtige Bücher, die von Reisen oder Expeditionen handelten, hatte ich nicht. Aber irgendwie hatte ich immer was zu lesen. Die tägliche Zeitung las ich, bevor ich zur Schule ging – erst nur die Hauptschlagzeilen, den Rest dann, wenn ich frei hatte.

Mein Interesse an fernen Ländern und Kulturen wurde durch meinen Großvater geweckt. Er war Seemann von Beruf gewesen. Mein Opa merkte, dass ich Interesse an seinen Erzählungen hatte.

Ich will den Fortgang seines Lebens kurz schildern: 1864 geboren, kam er mit frühen Jahren zum Ziegelhandwerk. In der Ziegelei in Munster an der Stör in Schleswig-Holstein hatte er Arbeit gefunden. Die gebrannten Steine wurden dann mit einem Kahn nach Hamburg verschifft. Damals gab es noch keine Dampfschiffe – die Steine wurden auf Segelschiffe verladen und dann nach Chile oder Peru gebracht. Die Überfahrt dauerte mit dem Segler ein paar Wochen. Mein Opa musste dann immer mit nach Hamburg zum Verladen der Steine. Er zeigte sehr früh Interesse für Schiffe und Seefahrt, und eines Tages heuerte er auf einem der Segler als Leichtmatrose an. Er fuhr einige Jahre zur See. Oft hat er mir von Chile erzählt. Er schwärmte von Valparaiso und vielen anderen Häfen. Auf der Rückreise wurde dann Guano, der Vogeldünger, mitgenommen.

Ich war begeistert von seinen Erzählungen. Für Opa war das harte Arbeit gewesen. Damals musste man, wenn man nach der Westküste Amerikas mit dem Schiff fahren wollte, noch um Kap Hoorn segeln, da es den Panamakanal noch nicht gab. Später, als der Kanal gebaut war, heuerte er auf einem Dampfschiff an. Als Heizer musste er auch dort harte Arbeit leisten. Opa war dann einige Male durch den Panamakanal gefahren. Er erzählte aber auch von New York, von Brooklyn, dem Hudson River, eine Fahrt den Mississippi hinauf, und vieles mehr.

Nach den Erzählungen meines Opas hatten mich die See und die Schifffahrt gepackt. Ich las jetzt viele Geschichten und Abenteuerromane, die sich fast immer um Seefahrt drehten. Nun hatte sich der Wunsch festgesetzt, später, wenn ich älter wäre, aufs Schiff zu kommen.

Musik und Tanz

Oft hatte Richard nachmittags Klavierunterreicht. Sein Vater war neben seiner Beschäftigung als Schuhmacher auch Musiker. Er beherrschte Klavier und Geige. An manchen Abenden spielte er bei kleinen Feiern mit seiner Geige und, wenn ein Klavier vorhanden war, auch darauf. Das waren zum Beispiel Hochzeiten, Silber- und Goldhochzeiten, die nicht im Großen gefeiert wurden.

Er spielte, da die Feiern im Dorf stattfanden, immer volkstümliche Weisen. Dazu wurde noch oft, wenn Platz genug vorhanden war, auf der Deele getanzt wurde. Da es auf der Deele oft stumpf war, wurde dann Persil gestreut, damit die Tänzer besser gleiten konnten. In ausgelassener Stimmung, wenn auch getrunken wurde, waren diese Tänze oft lustig und laut. Es waren dann immer schöne Zusammenkünfte, weil man sich nicht immer sah. Die Arbeit auf dem Lande eignete sich nicht oft für Feiern oder Zusammenkünfte. Auch die Verwandten sah man nicht oft.

Aber zurück zu Richard: Wenn er des Nachmittags Klavierunterreicht hatte, durfte ich im Zimmer bleiben – im Wohnzimmer, wo das Klavier stand. Ich musste aber still sein. Er musste eine Stunde üben. Für mich war das langweilig. Richard war auch kein Freund des Übens. Aber Jahre später sahen wir ein, dass das Üben doch wertvoll gewesen war. Richard spielte dann gut Klavier.

Wir waren auch des Öfteren in der Werkstatt von Richards Vater. Wenn er nebenbei am Schustern war, konnte er uns immer Geschichten erzählen, zum Beispiel die Taten des Schinderhannes. Wir lauschten dann gerne, denn Richards Vater konnte wunderbar erzählen.

Unser Freibad

Wir hielten uns oft am Bach auf, der durch die Wiese von Barkhausen floss, mitten durch die Kuhwiese. Da es Hochsommer war und das Bachbett ziemlich viel tiefer als das Ufer, beschlossen wir, uns ein Schwimmbecken in der Wiese zu bauen.

Wir wollten den Bach, der noch genug Wasser führte, aufstauen. Um den Staudamm zu bauen, haben wir von den Uferständen bewachsene Erde in größeren Klumpen genommen. In der Mitte des Dammes mussten wir eine Öffnung lassen, damit das Wasser uns nicht beim Bau hinderte. So bauten wir die „Staumauer“ ungefähr einen Meter hoch, bis auf die mittlere Öffnung. Diese wurde zum Schluss schnell gefüllt, und der Stausee konnte größer werden.

Es dauerte nicht lange, da war unser „Schwimmbecken“ fertig. Da das Wasser ziemlich warm war, haben wir uns mit der Badehose, die wir dabei hatten, hineingewagt. Es war eigentlich nicht gefährlich, da uns das Wasser nur bis zum Bauchnabel reichte. Schwimmen war nicht möglich, da das Wasser nicht tief genug war, aber wir konnten baden!

Die „Staumauer“ wurde durch das Wasser bald wieder aufgeweicht. Wir hatten ja keine feste Mauer bauen können, da uns nur Erdboden zur Verfügung stand. Im Laufe des Nachmittags wurde die Mauer wieder vom Wasser beseitigt. Wir hatten uns aber zwei Stunden im „Schwimmbad“ vergnügt.

Da inzwischen in Helpup ein Freibad gebaut worden war, konnten wir dort auch schwimmen. Wenn es im Sommer sehr heiß war, bekamen wir – wenn auch nicht oft – hitzefrei und gingen dann am Nachmittag nach Helpup ins Freibad. Nicht jeder konnte das mitmachen. Auch ich konnte nicht immer, weil meine Mutter nicht immer Geld übrig hatte. Ich glaube, der Eintritt kostete fünfzig Pfennig. Aber hin und wieder konnte ich auch zum Freibad.

Das Freibad war für uns wunderbar. Es hatte ein Sprungbrett. Das benutzt wir, die schwimmen konnten, oft. Es waren in meiner Klasse aber nicht viele, die schwimmen konnten. Es gab dort auch ein Becken für Nichtschwimmer. Im Übrigen hatten wir ja unser Schwimmbecken im Teich.

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