Damals in Lippe

Geschichten von früher.

Archiv für den Monat “Mai, 2015”

Die Dampfmaschine

Weihnachten stand vor der Tür. Meine Erwartungen waren wie immer nicht sehr hoch. Trotzdem war eine gewisse Spannung da. Der Heiligabend nahte, und die Neugier wuchs von Stunde zu Stunde. Die Bescherung war bei uns zu Hause allerdings erst am ersten Weihnachtstag, wie bei fast allen in unserem Dorf. Bei einigen Familien aus der Stadt, die ich kannte, war die Bescherung schon an Heiligabend. Ich fand das nicht so schön. Erst später, als ich schon verheiratet war und selbst einen Sohn hatte, der zu beschenken war, fand ich den Heiligabend passender und feierlicher.

Doch zurück zu diesem Heiligabend in meiner Kindheit. Wir waren schon ins Bett geschickt worden. Mein Bruder und ich hatten schon herausbekommen, dass mein Schwager, der Mann meiner Schwester Toni, am Tag vor Weihnachten zu uns nach Hause kam –  wahrscheinlich um Weihnachtsgeschenke vorbei zu bringen. Vorher war es zu riskant, weil wir sie ja doch gesucht und bestimmt gefunden hätten. An das Christkind glaubten wir damals schon nicht mehr.

Der Schwager kam wie immer, als wir schon im Bett lagen. Wir hatten die Tür des Schlafzimmers einen kleinen Spalt weit offen gelassen, um nicht zu verpassen, wenn er die Treppe hochkam. Es dauerte nicht lange, da hörten und sahen wir ihn. Er hatte etwas Großes auf seinen Schultern. Was da wohl drin war? Wer bekam so ein großes Weihnachtsgeschenk?

Es folgte für uns eine lange Nacht, bis endlich „Aufstehen!“ gerufen wurde. Wir sind dann im Nachthemd – wir kannten noch keine Schlafanzüge – schnell in die Wohnküche gelaufen, die die Mutter schon geheizt hatte, und bewunderten die Bescherung.

Was mein Bruder bekommen hatte, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur, dass auf dem Tisch eine große Platte mit vielen Dingen stand, die ich erst gar nicht alle überschauen konnte. Mit der Zeit hatte ich die einzelnen Teile erkannt und stellte fest, dass es sich um eine Dampfmaschine handelte und um mehrere Sachen, die durch die Dampfkraft angetrieben wurden. Die Dampfmaschine, so wurde mir erklärt, müsse mit Spiritus angeheizt werden. Nur durfte ich das ohne Aufsicht nicht machen. So machte mein Schwager, der extra gekommen war, die Dampfmaschine startbereit. Man konnte nur staunen, was jetzt alles in Bewegung war.

Wie gesagt, ich allein durfte die Maschine nicht anheizen. Ich habe es eines Tages natürlich trotzdem versucht, musste aber aufgeben. Die Maschine stand dann da und lief nur, wenn sie von Älteren angeheizt wurde. Es war eine wunderbare Anlage.

Doch eines Tages war die gesamte Anlage verschwunden. Ich wusste gar nicht, was mir geschehen war. Ich war enttäuscht, man kann es gar nicht beschreiben.

Mit der Zeit hörte ich von einigen Leuten, die genau wussten, was mit der Maschine geschehen war: Mein Schwager hatte einem Bekannten, der zufällig auch noch mein Vetter war, versprochen, ihm die Dampfmaschine zu geben. Obwohl sie ja mir gehörte. Man muss es sich einmal vorstellen: meine Dampfmaschine an jemand anderen zu verschenken! Das war die traurigste Weihnachtsgeschichte, die ich je erlebt habe.

Sicher – die Dampfmaschine hatte mein Schwager in viel Kleinarbeit hergestellt. Das hatte sicher viel Zeit gebraucht. Trotzdem durfte er meine Dampfmaschine nicht wieder an andere verschenken oder verkaufen. Das habe ich nie begriffen, und ich habe es meinem Schwager auch nie so ganz verziehen.

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Die schönen Eimer

Es war an einem schönen Sommersonntag. Mein Freund Richard und ich trugen unsere Sonntagskleidung: Ich, wie schon seit Langem, einen Samtanzug. Richard hatte, auch wie immer am Sonntag, einen Strickanzug an.

Es war ein warmer Morgen – wo gehen wir hin? Es war wie fast immer ein Weg ins Holz oder an die Bieke, die durch den Wald floss. Auf dem Weg dorthin kamen wir an einer Stelle vorbei, wo die Leute des Öfteren altes Zeug hinwarfen. Wir stöberten wie immer an der „Müllhalde“ herum und machten eine wunderbare Entdeckung: Wir fanden zwei Eimer mit Henkel. Sie waren wie neu! Wir wollten sie sauber machen und mit nach Hause nehmen. Außen waren sie so blank wie neu. Aber innen sah es schon etwas anders aus. Der Boden war mit weißem Zeug bedeckt. Da haben wir unsere Ärmel hochgekrempelt und uns mit unseren bloßen Händen daran gemacht, das Zeug, das ziemlich klebrig war, aus den Eimern herauszuholen. Wir bekamen das Zeug – es hatte sich inzwischen herausgestellt, dass es sich um weiße Lackfarbe handelte – heraus, nur von unseren Händen bekamen wir die Farbe nicht wieder herunter.

Da die Abfallstelle nah am Bach lag, dachten wir: Mit Wasser bekommen wir das Zeug wieder herunter. Denkste – auch mit Wasser und Sand wurde es nur noch immer schlimmer. „Was tun?“ sprach Zeus. Unsere Anzüge waren auch nicht ganz sauber geblieben.

Es half nur eins: nach Hause. Mit gesenkten Köpfen traten wir den Weg nach Hause an. Es gab von beiden Elternpaaren ein gewaltiges Donnerwetter. Man hat dann versucht, mit Spiritus alles wieder einigermaßen sauber zu bekommen. Der Sonntag war für Richard und mich gelaufen. Und an die schönen Eimer hat niemand mehr gedacht.

Der Teddybär

Mein Vater und ich waren an einem Sonntag im Sommer zu meiner Mutter gefahren. Sie war in Bielefeld im Krankenhaus operiert worden, um ihr die Gallensteine zu entfernen. Es ging ihr aber schon wieder ganz gut. Den Wege vom Bahnhof bis zum Krankenhaus gingen wir zu Fuß, damit ich mir die Schaufenster der vielen Geschäfte ansehen konnte. Was man da alles in den Schaufenstern sah! Das war für uns Kinder, die im kleinen Dorf lebten, alles Neuland. In einem Schaufenster auf dem Wege fiel mir besonders ein für mich sehr großer Teddybär auf. Den hätte ich gern gehabt. Mein Vater hatte das wohl bemerkt, weil ich gar nicht weiterging. Dieser Teddy war für mich jedoch ein Wunschtraum, da wir das Geld dafür bestimmt nicht hatten. Ich habe den Wunsch auch gar nicht laut geäußert, auch später nicht.

Als Weihnachten kam, erwartete ich einen Teller voller süßer Sachen. Unter anderem gab es sicher wieder ein Marzipanschwein, was ich immer gern mochte. Manchmal bekam ich einen Mantel, den sicher meine Schwester genäht hatte. Sie hatte ja Näherin gelernt.

Nur diese Weihnacht war ganz anders. Ich war wie immer auf die Bescherung gespannt. Die fand bei uns immer am ersten Weihnachtstag statt. Tage vor Heiligabend hatte ich schon immer mal geschnüffelt, ob das Christkind nicht doch schon was bei uns versteckt hatte. Das hatte mir meine Mutter streng verboten. Beim Schnüffeln hatte ich dieses Mal etwas Glück. Meine Mutter hatte am Montag Wäsche – das war für mich eine Gelegenheit, mal zu suchen, ob das Christkind schon da gewesen war. Unter dem Vertiko, der im Schlafzimmer meiner Eltern stand, fand ich ein Paket, in dem ein Müller an der Mühle hochkletterte. Das war zum Aufziehen. Ich war ganz selig.

Meine Mutter war am Waschen. Ich nichts wie hin zu ihr, um ihr die frohe Botschaft zu bringen, dass das Christkind schon etwas gebracht hatte. Ich konnte nicht begreifen, dass Mutter erbost war. Jedenfalls würde das Christkind den Müller wieder abholen, sagte Mutter. Als nun die Bescherung am Weihnachtsmorgen kam, war ich sehr überrascht, dass nicht nur der Müller wieder da war. Sondern zur riesigen Überraschung und Freude saß mein großer Teddy, den ich mir im Sommer so sehr gewünscht hatte, auf dem Tisch! Meine Freude war so groß, dass ich den Müller ganz vergaß.

Dieser Teddy war mein schönstes Geschenk vom Christkind. Als ich noch klein war, war er immer mein Schlafgenosse. Ich hatte ihn auch noch, als ich schon verheiratet war. Noch unser Sohn Hans, der 1947 zur Welt kam, hat den Bären in seiner Kindheit sehr gehütet. Er hat dem Teddy die Ärmel mit Nadel und Garn wieder geflickt, noch bevor er in die Schule kam. Lange war der Bär bei uns in der Familie Gast. Er gehörte einfach dazu.

Der Waldteufel

An der Straße, die durch das Holzkamp führte, standen am Ende des Ortes an der Neunzig-Grad-Kurve, die um das Grundstück von Hüls führte, zwei riesige alte Eichen. Eines Tages erzählte man, dass die Bäume gefällt werden sollten. Die Eichen standen „außerhalb“ der Kurve, und die Straße sollte verbreitert werden. Das war nach dem Hochwasser von 1928.

Es war kein Gerücht, denn eines Tages erschienen mehrere Männer mit Pferdewagen und allerlei Geräten und Drahtseilen. Darunter war ein Gerät, das sich als „Waldteufel“ herausstellte – so nannten die Arbeiter das Ding. Wir Kinder waren gespannt, was das werden sollte. Das Drahtseil wurde erst an einem Ende um die Eiche befestigt, und zwar in einer Höhe von ungefähr zehn Metern. Das andere Ende des Seiles wurde an einer anderen Eiche befestigt, die etwa 50 Meter von den Eichen stand, die gefällt werden sollten. Dazwischen wurde dann der „Waldteufel“ gespannt. Unsere Spannung wuchs gewaltig.

Ich will versuchen, den Waldteufel zu beschreiben. Das Gerät hatte einen langen Hebelarm. Wenn man den Hebel bewegte, wurde im Gerät eine Raste bewegt, wodurch der Zug am Seil gespannt wurde.

Die Vorbereitungen waren nun soweit gediehen, dass man nun mit der Fällung beginnen konnte. Wir Kinder mussten jetzt in einigen Abstand zurücktreten. Der Waldteufel wurde aber noch nicht bedient. Die zu fällende Eiche musste nun bearbeitet werden, damit der „Teufel“ seine Kraft ausüben konnte. Mit Säge und Äxten wurde nun eine dreieckige Kerbe in den zu fällenden Baum geschlagen. Damals gab es noch keine elektrische Baumsäge. Gesägt wurde mit einer langen Säge, die von zwei Männern benutzt werden musste. Jetzt sägte man an der Rückseite der Eiche einen Schnitt, damit die Fällung leichter ging.

Dann kam der Waldteufel zum Einsatz: Der Hebel am Gerät musste nun bedient werden. Bei jeder Bewegung straffte sich das Seil und somit wurde die Eiche Zentimeter um Zentimeter umgerissen. Der Baum fiel auf die Straße, wie geplant. Das Ganze war für uns Kinder eine Sensation, aber auch Erwachsene waren als Zuschauer erschienen.

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