Damals in Lippe

Geschichten von früher.

Der Teddybär

Mein Vater und ich waren an einem Sonntag im Sommer zu meiner Mutter gefahren. Sie war in Bielefeld im Krankenhaus operiert worden, um ihr die Gallensteine zu entfernen. Es ging ihr aber schon wieder ganz gut. Den Wege vom Bahnhof bis zum Krankenhaus gingen wir zu Fuß, damit ich mir die Schaufenster der vielen Geschäfte ansehen konnte. Was man da alles in den Schaufenstern sah! Das war für uns Kinder, die im kleinen Dorf lebten, alles Neuland. In einem Schaufenster auf dem Wege fiel mir besonders ein für mich sehr großer Teddybär auf. Den hätte ich gern gehabt. Mein Vater hatte das wohl bemerkt, weil ich gar nicht weiterging. Dieser Teddy war für mich jedoch ein Wunschtraum, da wir das Geld dafür bestimmt nicht hatten. Ich habe den Wunsch auch gar nicht laut geäußert, auch später nicht.

Als Weihnachten kam, erwartete ich einen Teller voller süßer Sachen. Unter anderem gab es sicher wieder ein Marzipanschwein, was ich immer gern mochte. Manchmal bekam ich einen Mantel, den sicher meine Schwester genäht hatte. Sie hatte ja Näherin gelernt.

Nur diese Weihnacht war ganz anders. Ich war wie immer auf die Bescherung gespannt. Die fand bei uns immer am ersten Weihnachtstag statt. Tage vor Heiligabend hatte ich schon immer mal geschnüffelt, ob das Christkind nicht doch schon was bei uns versteckt hatte. Das hatte mir meine Mutter streng verboten. Beim Schnüffeln hatte ich dieses Mal etwas Glück. Meine Mutter hatte am Montag Wäsche – das war für mich eine Gelegenheit, mal zu suchen, ob das Christkind schon da gewesen war. Unter dem Vertiko, der im Schlafzimmer meiner Eltern stand, fand ich ein Paket, in dem ein Müller an der Mühle hochkletterte. Das war zum Aufziehen. Ich war ganz selig.

Meine Mutter war am Waschen. Ich nichts wie hin zu ihr, um ihr die frohe Botschaft zu bringen, dass das Christkind schon etwas gebracht hatte. Ich konnte nicht begreifen, dass Mutter erbost war. Jedenfalls würde das Christkind den Müller wieder abholen, sagte Mutter. Als nun die Bescherung am Weihnachtsmorgen kam, war ich sehr überrascht, dass nicht nur der Müller wieder da war. Sondern zur riesigen Überraschung und Freude saß mein großer Teddy, den ich mir im Sommer so sehr gewünscht hatte, auf dem Tisch! Meine Freude war so groß, dass ich den Müller ganz vergaß.

Dieser Teddy war mein schönstes Geschenk vom Christkind. Als ich noch klein war, war er immer mein Schlafgenosse. Ich hatte ihn auch noch, als ich schon verheiratet war. Noch unser Sohn Hans, der 1947 zur Welt kam, hat den Bären in seiner Kindheit sehr gehütet. Er hat dem Teddy die Ärmel mit Nadel und Garn wieder geflickt, noch bevor er in die Schule kam. Lange war der Bär bei uns in der Familie Gast. Er gehörte einfach dazu.

Advertisements

Einzelbeitrag-Navigation

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: