Damals in Lippe

Geschichten von früher.

Die Dampfmaschine

Weihnachten stand vor der Tür. Meine Erwartungen waren wie immer nicht sehr hoch. Trotzdem war eine gewisse Spannung da. Der Heiligabend nahte, und die Neugier wuchs von Stunde zu Stunde. Die Bescherung war bei uns zu Hause allerdings erst am ersten Weihnachtstag, wie bei fast allen in unserem Dorf. Bei einigen Familien aus der Stadt, die ich kannte, war die Bescherung schon an Heiligabend. Ich fand das nicht so schön. Erst später, als ich schon verheiratet war und selbst einen Sohn hatte, der zu beschenken war, fand ich den Heiligabend passender und feierlicher.

Doch zurück zu diesem Heiligabend in meiner Kindheit. Wir waren schon ins Bett geschickt worden. Mein Bruder und ich hatten schon herausbekommen, dass mein Schwager, der Mann meiner Schwester Toni, am Tag vor Weihnachten zu uns nach Hause kam –  wahrscheinlich um Weihnachtsgeschenke vorbei zu bringen. Vorher war es zu riskant, weil wir sie ja doch gesucht und bestimmt gefunden hätten. An das Christkind glaubten wir damals schon nicht mehr.

Der Schwager kam wie immer, als wir schon im Bett lagen. Wir hatten die Tür des Schlafzimmers einen kleinen Spalt weit offen gelassen, um nicht zu verpassen, wenn er die Treppe hochkam. Es dauerte nicht lange, da hörten und sahen wir ihn. Er hatte etwas Großes auf seinen Schultern. Was da wohl drin war? Wer bekam so ein großes Weihnachtsgeschenk?

Es folgte für uns eine lange Nacht, bis endlich „Aufstehen!“ gerufen wurde. Wir sind dann im Nachthemd – wir kannten noch keine Schlafanzüge – schnell in die Wohnküche gelaufen, die die Mutter schon geheizt hatte, und bewunderten die Bescherung.

Was mein Bruder bekommen hatte, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur, dass auf dem Tisch eine große Platte mit vielen Dingen stand, die ich erst gar nicht alle überschauen konnte. Mit der Zeit hatte ich die einzelnen Teile erkannt und stellte fest, dass es sich um eine Dampfmaschine handelte und um mehrere Sachen, die durch die Dampfkraft angetrieben wurden. Die Dampfmaschine, so wurde mir erklärt, müsse mit Spiritus angeheizt werden. Nur durfte ich das ohne Aufsicht nicht machen. So machte mein Schwager, der extra gekommen war, die Dampfmaschine startbereit. Man konnte nur staunen, was jetzt alles in Bewegung war.

Wie gesagt, ich allein durfte die Maschine nicht anheizen. Ich habe es eines Tages natürlich trotzdem versucht, musste aber aufgeben. Die Maschine stand dann da und lief nur, wenn sie von Älteren angeheizt wurde. Es war eine wunderbare Anlage.

Doch eines Tages war die gesamte Anlage verschwunden. Ich wusste gar nicht, was mir geschehen war. Ich war enttäuscht, man kann es gar nicht beschreiben.

Mit der Zeit hörte ich von einigen Leuten, die genau wussten, was mit der Maschine geschehen war: Mein Schwager hatte einem Bekannten, der zufällig auch noch mein Vetter war, versprochen, ihm die Dampfmaschine zu geben. Obwohl sie ja mir gehörte. Man muss es sich einmal vorstellen: meine Dampfmaschine an jemand anderen zu verschenken! Das war die traurigste Weihnachtsgeschichte, die ich je erlebt habe.

Sicher – die Dampfmaschine hatte mein Schwager in viel Kleinarbeit hergestellt. Das hatte sicher viel Zeit gebraucht. Trotzdem durfte er meine Dampfmaschine nicht wieder an andere verschenken oder verkaufen. Das habe ich nie begriffen, und ich habe es meinem Schwager auch nie so ganz verziehen.

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