Damals in Lippe

Geschichten von früher.

Unser Freibad

Wir hielten uns oft am Bach auf, der durch die Wiese von Barkhausen floss, mitten durch die Kuhwiese. Da es Hochsommer war und das Bachbett ziemlich viel tiefer als das Ufer, beschlossen wir, uns ein Schwimmbecken in der Wiese zu bauen.

Wir wollten den Bach, der noch genug Wasser führte, aufstauen. Um den Staudamm zu bauen, haben wir von den Uferständen bewachsene Erde in größeren Klumpen genommen. In der Mitte des Dammes mussten wir eine Öffnung lassen, damit das Wasser uns nicht beim Bau hinderte. So bauten wir die „Staumauer“ ungefähr einen Meter hoch, bis auf die mittlere Öffnung. Diese wurde zum Schluss schnell gefüllt, und der Stausee konnte größer werden.

Es dauerte nicht lange, da war unser „Schwimmbecken“ fertig. Da das Wasser ziemlich warm war, haben wir uns mit der Badehose, die wir dabei hatten, hineingewagt. Es war eigentlich nicht gefährlich, da uns das Wasser nur bis zum Bauchnabel reichte. Schwimmen war nicht möglich, da das Wasser nicht tief genug war, aber wir konnten baden!

Die „Staumauer“ wurde durch das Wasser bald wieder aufgeweicht. Wir hatten ja keine feste Mauer bauen können, da uns nur Erdboden zur Verfügung stand. Im Laufe des Nachmittags wurde die Mauer wieder vom Wasser beseitigt. Wir hatten uns aber zwei Stunden im „Schwimmbad“ vergnügt.

Da inzwischen in Helpup ein Freibad gebaut worden war, konnten wir dort auch schwimmen. Wenn es im Sommer sehr heiß war, bekamen wir – wenn auch nicht oft – hitzefrei und gingen dann am Nachmittag nach Helpup ins Freibad. Nicht jeder konnte das mitmachen. Auch ich konnte nicht immer, weil meine Mutter nicht immer Geld übrig hatte. Ich glaube, der Eintritt kostete fünfzig Pfennig. Aber hin und wieder konnte ich auch zum Freibad.

Das Freibad war für uns wunderbar. Es hatte ein Sprungbrett. Das benutzt wir, die schwimmen konnten, oft. Es waren in meiner Klasse aber nicht viele, die schwimmen konnten. Es gab dort auch ein Becken für Nichtschwimmer. Im Übrigen hatten wir ja unser Schwimmbecken im Teich.

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Noch einmal Fische fangen

Auch als wir schon 10- bis 12-jährig waren, gingen mein Freund Richard und ich noch hin und wieder in den Ermgasser Wald. Wir sagten dann nur, wir gehen „ins Holz“. Der Holzkampbach, der durch den Wald floss, war des Öfteren unser Hauptziel. Wir nannten ihn „unsere Windwehe“. Er war für Kinder nicht sehr gefährlich, da er nicht sehr tief war. An einigen Stellen, wo der Bach eine Art Kurve machte, hatte das Wasser etwas mehr Erde weggespült. In diesen Kurven hielten sich die größeren Fische auf, wenn noch welche da waren. Hier konnten sie sich leichter zurückziehen und waren dann geschützter. Der Fischbestand war mit den Jahren nicht mehr groß – aber richtig groß war er ja nie. Wir hatten Glück, wenn wir noch einige sahen. Das Fangen von Fischen war fast vorbei, aber eines Tages hatten wir Glück. Wir waren am unteren Bachlauf. Richard lag in einer „Kurve“ auf dem Bauch und wollte sehen, ob sich zwischen den Wurzeln eines Baumes, der am Wasser stand, eventuell noch Fische befanden. Ich ging weiter am Bach entlang, bis plötzlich Richard rief: „Erwin, komm schnell, ich habe eine Forelle, ich kann sie nicht mehr lange halten!“ Nichts wie hin. Er hatte die Forelle mit der Hand auf den Bachboden gedrückt. Weil der Fisch zu groß war, konnte er ihn nicht ganz umfassen. Mit vereinten Kräften haben wir ihn ans Ufer gekriegt. Wir hatten in unserer Zeit noch nie so einen „Kaventsmann“ gefangen. Wir wollten seine Länge messen, aber wir hatten keinen Zollstock. Die Länge des Fisches betrug aber zwei Holzschuhlängen, das waren nach unserer Schätzung 40 cm. Unser Glück war, dass kein Mensch in der Nähe war. Wir wussten ja, dass das Fischen verboten war. Jetzt aber so schnell wie möglich nah Hause, die Forelle unter den Pullover und weg. Die Mutter von Richard hat sie, wie schon früher, für uns – auch für sich selbst – gebraten. Erst viel später habe ich meinen Eltern von diesem Fang erzählt. Dieser Fang war unser größter während der Kindheit. Aber von Kindheit kann man eigentlich gar nicht mehr sprechen, wenn man schon bald die Schule verlässt. Jedenfalls hatten die Fische, die noch im Bach waren, jetzt vor uns Ruhe.

Damals in Lippe… in English!

Prefer to read these in English? No problem, just go here: A German Youth.

Mundraub

In unserem Holzkamp, einem kleinen Ortsteil von Greste, gab es keine Geschäfte irgendwelcher Art. Kein Lebensmittelgeschäft, kein Bäcker, kein Geschäfts für Gebrauchsgegenstände. Alles musste aus dem Nachbarort geholt werden. Nur des sonnabends kam ein Bäcker mit dem Pferdewagen ins Dorf und verkaufte Brot, Kuchen und Brötchen. Ein Pferd zog den mit einer Plane bedeckten Wagen von Haus zu Haus, um Backwaren zu verkaufen. Der Bäcker war aus dem Nachbarort Ehlenbruch. Er war immer am Sonnabend pünktlich um die Nachmittagszeit.

Mein Freund Richard und ich hatten den Bäcker schon eine ganze Zeit beobachtet, um eventuell ein Stück Kuchen zu bekommen. Wenn der Bäcker in die Häuser ging, um was zu verkaufen, gingen wir zum Wagen und sahen uns die Backwaren an. Das musste schnell gehen, da der Bäcker oft schnell wiederkam. Er konnte nicht überall was verkaufen, weil bei den meisten nicht Geld genug da war, um Kuchen zu kaufen.

Der Wagen zog uns immer an, weil man die Backwaren herrlich roch. Als wir in den Wagen hineinsahen, war da ein großer Wäschekorb voll mit frischen Brötchen, von denen ein kaum zu beschreibender Duft auf uns überlief. Auch Kuchen und Brot waren im Wagen, fein in Regale gepackt. Dies alles rief bei uns beiden ein tolles Hungergefühl hervor. Nur stehlen durften wir nicht! Noch hatten wir uns in der Gewalt.

Doch eines Tages hatten wir beschlossen, wenn der Bäcker bei Hüls war, wo er sich immer länger aufhielt, wollten wir uns an den Wagen schleichen, um jeder sich ein Brötchen aus dem großen Korb zu nehmen. Am Ende des Wagens konnte man per kleinen Tritten an den Korb kommen. Wir wollten es als Mundraub bezeichnen.

Am Sonnabend kam er wie immer pünktlich. Wir warteten, bis Elbracht – so hieß der Bäcker – zum Hause von Hüls ging. Der Weg dorthin war etwa 100 Meter bis zur Stätte. Jetzt hatten wir uns ein Herz gegriffen und uns klopfenden Herzens jeder ein Brötchen aus dem Korb genommen. Mehr zu nehmen, hatten wir nicht dem Mut. Es sollte ja nicht auffallen. Wir schnell von dannen und die Brötchen verschlungen. Bei uns zu Hause gab es ja keine gekauften Backwaren, das Brot wurde im Konsum gekauft, Kuchen selbst gebacken.

Zu Hause durfte niemand wissen, dass wir uns vom Bäckerwagen Brötchen genommen hatten. Diesen Mundraub, der wunderbar geschmeckt hatte, habe ich bis ins hohe Alter nicht vergessen.

Die Höhle in der Böschung

Das Grundstück unseres Hauswirts Hüls grenzte an die Kuhwiese, die zum Rittergut Niederbarkhausen gehörte. Die Wiese lag etwas tiefer als das Grundstück von dem alten Hüls. Der Höhenunterschied betrug etwa zwei bis drei Meter.

Eines Tages hatte Hüls beim Rundgang seiner Ländereien in der Böschung ein Loch gesehen. Es war der Eingang einer Höhle, so ähnlich wie ein Fuchsbau-Eingang. Der Eingang war nur größer. Der alte Hüls hatte sich am nächsten Tag auf die Lauer gelegt, um zu sehen, was für ein Tier in die oder aus der Höhle heraus oder herein lief. Es war am späten Nachmittag, als plötzlich ein Tier kam und in der Höhle verschwand. Es war kein Fuchs, sondern ein größeres Tier. Es war auch nicht rotbraun, sondern dunkelgrau.

Der alte Hüls wollte das Tier aus der Höhle holen. Wie – das war die Frage. Nach Hause zurückgekehrt, sammelte er die erwachsenen Männer, die er im Holzkamp auftreiben konnte, und beschloss, mit Ihnen bei Dunkelheit, bewaffnet mit Spaten, das Tier auszugraben. Es waren fünf bis sechs Männer, die am Abend mit Spaten zur Höhle marschierten. Es wurden Stalllaternen mitgenommen, damit man sehen konnte, wenn man dem Tier näher kam. Jetzt wurde einfrig gegraben, um den Gang der Höhle freizumachen.

Alle ware neugierig, was man denn vorfand. Der Gang wurde nun Meter für Meter freigegraben. Die Höhle war ziemlich tief, etwa 1,5 Meter. Eine ziemlich lange Höhle. Man hatte ungefähr fünf Meter freigegraben, als man plötzlich das Tier im Bau liegen sah. Was nun mit der Kreatur geschah, wurden wir Kinder nicht gewahr. Wir mussten nach Hause gehen. Ich weiß nicht, was die Männer mit dem Tier machten. Hatte man es erschlagen oder laufen lassen? Es hatte sich als friedliches Wesen, als Dachs herausgestellt. Das haben wir Kinder von unseren Eltern erfahren.

Dieses Ereignis war natürlich eine Sensation und wurde lange im Dorf erzählt.

Hochwasser

Es war im Jahr 1928. Ein Unwetter hatte auch unser kleines Dorf Holzkamp heimgesucht. Es waren nach einem schweren Gewitter riesige Wassermassen vom Himmel gefallen. Der Bach, der durch den Ort floss, war plötzlich ein reißender Fluss geworden. Die Breite des Bachs war von zirka einem Meter auf mehrere Meter angewachsen. Die Straße, die im Dorf über den Bach führte, war vollkommen unter Wasser.

Die Wiesen standen unter Wasser. Der Straßendamm war so hoch, dass sich dadurch ein See gebildet hatte. Es war an einem Sonnabend im Sommer. Die jungen Männer, die schwimmen konnten, wagten sich in die Wiesen und schwammen in der braunen „Brühe“, die sich durch das, was mit dem Bach angeschwemmt war, gebildet hatte.

Da der riesige Bach von Oerlinghausen her kam, führte er alles Mögliche mit sich. Tote Schweine, Tische und Stühle, alles Mögliche an Hausrat, was nicht feststand, kam mit dem reißenden Wasser den Bach herunter. Für uns Kinder war das Ganze eine Sensation. Die Häuser, die höher lagen, waren von dem Unwetter verschont geblieben.

Man konnte nicht mit trockenen Füßen die Brücke passieren. Um doch über die Brücke zu kommen, ohne nasse Füße zu kriegen, hatte sich zum Gaudi der Dorfbewohner ein Hausschlachter, der ja Stiefel besaß, bereit erklärt, Frauen über die Brücke zu tragen, und zwar auf seinen Schultern.

Diese Episode war lange Zeit in aller Munde. Das Hochwasser ging nach Tagen wieder zurück. Der Bach nahm dann wieder seinen normalen Verlauf.

Margrets Dauerwelle

Meine Nichte Margret, die Tochter meiner Schwester, hatte mit vierzehn Jahren noch schöne lange Zöpfe. Eines Tages, als sie bei uns zu Hause war, meine meine Frau Lore: „Margret, willst du noch keine Dauerwelle haben?“

Sie mochte wohl. Sie hatte zuhause gefragt, ob sie nicht eine Dauerwelle haben dürfte. Ihr Vater war strikt dagegen. Ihre Mutter war dafür. Lore und ich beschlossen, vereint mit Margret und Mutter, am Sonnabend die Dauerwelle zu machen und den Vater vor vollendete Tatsachen zu stellen. Margret blieb dann bis Sonntag bei uns. Sie hatte Bammel, nach Hause zu gehen.

Am Sonntag dann ging Margret nach Hause. Der Vater sah das Ganze noch nicht. Margret hatte eine Mütze auf. Wie die Mütze abgenommen werden musste, ging ein Riesenkrach los. Der Vater: „Die schönen Zöpfe!“ Er schimpfte sehr. Später war er sehr stolz auf seine Tochter. Er behandelte sie jetzt nicht mehr wie ein Kind.

Der Morgenkaffee

Meine Mutter und die Frau des Hauswirts, Minna Hüls, haben sich immer gut verstanden. Wir Kinder sagten nur „Tante Minna“ zu ihr. Bei Hüls wurde kein Bohnenkaffee, sondern Muckefuck getrunken. Der Alte ging jeden Sonnabend nach Oerlinghausen – zu Fuß. Er hatte einen Korb voll Kuhbutter, Wurst, Eier und Speck, alles aus eigener Haltung, um es in Oerlinghausen bei einer alten Kundschaft zu verkaufen. Die Kundschaft bestand aus Ärzten, Kaufleuten und sonstigen Bekannten. Ihm wurden die Produkte gerne abgekauft. Er war dann zur Mittagszeit wieder zu Hause.

Um diese Zeit, wo der Alte nicht da war, zu nutzen, kann Tante Hüls jeden Sonnabend schnell nach oben zu meiner Mutter. Sie brachte dann richtigen Bohnenkaffee mit, den sie vor dem Alten versteckt hatte. Die beiden Frauen tranken dann gemütlich und genüsslich Kaffee. Sie blieben solange zusammen sitzen, bis man den Alten durch unser Fenster kommen sah. Dann musste die Tante schnell wieder nach unten. Hüls durfte ja nicht wissen, dass seine Frau bei uns gewesen war, um Kaffe zu trinken. Er bekam nur eine kleine Kriegsrente. Sie mussten hauptsächlich von den Landwirtschaftsprodukten leben.

Am Lonnerhof

Da man uns beim Lonnerhof duldete, mussten wir mit den Kindern des Kleinbauern auch mithelfen, Ställe ausmisten und für die Schweine Kartoffeln in einem großen Dämpfer kochen. Nach dem Garen wurden die Kartoffeln ungeschält über eine mit Hand gedrehte Mühle fein gedreht. Ehe das Mahlen losging, holten wir uns schnell ein paar große Kartoffeln heraus, pellten sie und aßen sie auf. Wir hatten oft nicht unbedingt Hunger, aber Lust auf Essen.

Wenn dann die Arbeit getan war, konnten wir mit den Kindern des Lonner irgendetwas unternehmen.

Das Jagdgewehr

Mein Vater war ein Naturliebhaber. Vor allen Dinge interessierte er sich für Wildtiere. Da meine Mutter und mein Vater mit einer befreundeten Familie zur Geselligkeit hin und wieder zum Scherenkrug gingen, ergab es sich, dass der Wirt, der ein Jäger war, sich zu der Runde an den Tisch setzte, um sich mit meinem Vater, der ja ein Wild-Liebhaber war, über die Jagd zu unterhalten. Mein Vater war aber kein Freund des Schießens. Trotz alldem hatte der Wirt, der auch Waffen besaß, meinem Vater ein sehr altes Jagdgewehr geschenkt. Es war wirklich sehr alt, zum Schießen nicht mehr zu gebrauchen. Dieses Gewehr hing nun bei uns zu Hause auf der Bühne an der Wand. Nicht in der Wohnung! Einen Wert hatte die Knarre nicht; dafür war es nicht alt genug.

Mit der Zeit war bekannt, dass August Ostmann ein Jagdgewehr hatte. Es war in der Zeit, als Hitler an die Macht gekommen war. Eines Samstags stürmten zirka zehn SA-Männer in unsere Wohnung und suchten nun das Gewehr. Es wurde natürlich gefunden und beschlagnahmt.

Meine Schwester, die zuhause war, wurde böse. Was das zu bedeuten hätte?

Die Antwort: Es wäre gemeldet worden, dass bei einem Sozi eine Waffe sei.

Sie zogen mit der „Beute“ ab. Es hatte sich später herausgestellt, dass ein Nachbar, der in der SA war, dieses ganze Manöver in Gang gesetzt hatte. Da der Nachbar wusste, dass meine Eltern SPD-Mitglieder waren und eine Waffe im Haus hatten, wurde diese Razzia von der SA-Führung durchgeführt. Die SPD war ja schon verboten.

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