Damals in Lippe

Geschichten von früher.

Noch einmal Fische fangen

Auch als wir schon 10- bis 12-jährig waren, gingen mein Freund Richard und ich noch hin und wieder in den Ermgasser Wald. Wir sagten dann nur, wir gehen „ins Holz“. Der Holzkampbach, der durch den Wald floss, war des Öfteren unser Hauptziel. Wir nannten ihn „unsere Windwehe“. Er war für Kinder nicht sehr gefährlich, da er nicht sehr tief war. An einigen Stellen, wo der Bach eine Art Kurve machte, hatte das Wasser etwas mehr Erde weggespült. In diesen Kurven hielten sich die größeren Fische auf, wenn noch welche da waren. Hier konnten sie sich leichter zurückziehen und waren dann geschützter. Der Fischbestand war mit den Jahren nicht mehr groß – aber richtig groß war er ja nie. Wir hatten Glück, wenn wir noch einige sahen. Das Fangen von Fischen war fast vorbei, aber eines Tages hatten wir Glück. Wir waren am unteren Bachlauf. Richard lag in einer „Kurve“ auf dem Bauch und wollte sehen, ob sich zwischen den Wurzeln eines Baumes, der am Wasser stand, eventuell noch Fische befanden. Ich ging weiter am Bach entlang, bis plötzlich Richard rief: „Erwin, komm schnell, ich habe eine Forelle, ich kann sie nicht mehr lange halten!“ Nichts wie hin. Er hatte die Forelle mit der Hand auf den Bachboden gedrückt. Weil der Fisch zu groß war, konnte er ihn nicht ganz umfassen. Mit vereinten Kräften haben wir ihn ans Ufer gekriegt. Wir hatten in unserer Zeit noch nie so einen „Kaventsmann“ gefangen. Wir wollten seine Länge messen, aber wir hatten keinen Zollstock. Die Länge des Fisches betrug aber zwei Holzschuhlängen, das waren nach unserer Schätzung 40 cm. Unser Glück war, dass kein Mensch in der Nähe war. Wir wussten ja, dass das Fischen verboten war. Jetzt aber so schnell wie möglich nah Hause, die Forelle unter den Pullover und weg. Die Mutter von Richard hat sie, wie schon früher, für uns – auch für sich selbst – gebraten. Erst viel später habe ich meinen Eltern von diesem Fang erzählt. Dieser Fang war unser größter während der Kindheit. Aber von Kindheit kann man eigentlich gar nicht mehr sprechen, wenn man schon bald die Schule verlässt. Jedenfalls hatten die Fische, die noch im Bach waren, jetzt vor uns Ruhe.

Damals in Lippe… in English!

Prefer to read these in English? No problem, just go here: A German Youth.

Mundraub

In unserem Holzkamp, einem kleinen Ortsteil von Greste, gab es keine Geschäfte irgendwelcher Art. Kein Lebensmittelgeschäft, kein Bäcker, kein Geschäfts für Gebrauchsgegenstände. Alles musste aus dem Nachbarort geholt werden. Nur des sonnabends kam ein Bäcker mit dem Pferdewagen ins Dorf und verkaufte Brot, Kuchen und Brötchen. Ein Pferd zog den mit einer Plane bedeckten Wagen von Haus zu Haus, um Backwaren zu verkaufen. Der Bäcker war aus dem Nachbarort Ehlenbruch. Er war immer am Sonnabend pünktlich um die Nachmittagszeit.

Mein Freund Richard und ich hatten den Bäcker schon eine ganze Zeit beobachtet, um eventuell ein Stück Kuchen zu bekommen. Wenn der Bäcker in die Häuser ging, um was zu verkaufen, gingen wir zum Wagen und sahen uns die Backwaren an. Das musste schnell gehen, da der Bäcker oft schnell wiederkam. Er konnte nicht überall was verkaufen, weil bei den meisten nicht Geld genug da war, um Kuchen zu kaufen.

Der Wagen zog uns immer an, weil man die Backwaren herrlich roch. Als wir in den Wagen hineinsahen, war da ein großer Wäschekorb voll mit frischen Brötchen, von denen ein kaum zu beschreibender Duft auf uns überlief. Auch Kuchen und Brot waren im Wagen, fein in Regale gepackt. Dies alles rief bei uns beiden ein tolles Hungergefühl hervor. Nur stehlen durften wir nicht! Noch hatten wir uns in der Gewalt.

Doch eines Tages hatten wir beschlossen, wenn der Bäcker bei Hüls war, wo er sich immer länger aufhielt, wollten wir uns an den Wagen schleichen, um jeder sich ein Brötchen aus dem großen Korb zu nehmen. Am Ende des Wagens konnte man per kleinen Tritten an den Korb kommen. Wir wollten es als Mundraub bezeichnen.

Am Sonnabend kam er wie immer pünktlich. Wir warteten, bis Elbracht – so hieß der Bäcker – zum Hause von Hüls ging. Der Weg dorthin war etwa 100 Meter bis zur Stätte. Jetzt hatten wir uns ein Herz gegriffen und uns klopfenden Herzens jeder ein Brötchen aus dem Korb genommen. Mehr zu nehmen, hatten wir nicht dem Mut. Es sollte ja nicht auffallen. Wir schnell von dannen und die Brötchen verschlungen. Bei uns zu Hause gab es ja keine gekauften Backwaren, das Brot wurde im Konsum gekauft, Kuchen selbst gebacken.

Zu Hause durfte niemand wissen, dass wir uns vom Bäckerwagen Brötchen genommen hatten. Diesen Mundraub, der wunderbar geschmeckt hatte, habe ich bis ins hohe Alter nicht vergessen.

Das Begräbnis des Alkohols

Im Holzkamp waren einige junge Leute, die des Öfteren zusammen waren, um irgendetwas zu unternehmen. Da alle in dem Alter zwischen 18 und 25 Jahren waren und zur Arbeit mussten, konnten sie zur sonnabends und sonntags etwas unternehmen. Es waren keine Rowdys darunter. Sie hatten alle ein ordentliches Elternhaus. Sie waren wohl gut erzogen. Trotzdem machten diese jungen Leute vor Übermut hin und wieder Sachen, die über die „Hutschnur“ gingen. Natürlich keine Taten, die ins Kriminelle gingen.

Diese Truppe – ich will sie mal so nennen – hatte sich sogar einen Namen gegeben. Das war das „Abbruch-Kommando“. Den Namen hatten sie sich gegeben, weil der Älteste „Abbruch“ genannt wurde, und das war dann der „Haupt-Mann“. Jeder hatte einen Spitznamen. Zum Beispiel hieß einer „Grimmig“, weil der so’n bisschen grimmig sein konnte. Einer war „Vogts Schneider“, ein anderer „Rotts Pichel“, einer „Ottens Schnuider“. So hatten alle einen Spitznamen. Ich habe nicht alle Namen im Gedächtnis.

Es waren so ungefähr sechs bis acht junge Leute. Gewöhnlich trafen sie sich an Sonnabenden und Sonntagen. Verheiratet war keiner. Tanzveranstaltungen ließen sie nie aus. Sie gingen aber nicht zum Tanzen hin, nur um zu sehen, was da los war. Dort gab es gewöhnlich Rangeleien. Wenn zum Beispiel in Nachbarort Tanz war, ging man natürlich hin, obwohl man dort als Fremdling gesehen wurde. Die wurden dann beschuldigt, ihre Mädchen würden abgeschleppt. Wenn man sich einigte, mussten die Freude „Pflastergeld“ bezahlen in Form einer Flasche Wacholder. Weigerten die Freunde sich, dann kam es zu einer handgreiflichen Auseinandersetzung. Es endete oft so, dass die Freunde bis an die Gemeindegrenze geprügelt wurden. Unsere Jungs waren ziemlich stämmige Kerls. Sie scheuten keine Prügelei.

Sie gingen des Öfteren nach Hörste, wenn dort Tanz war, und zwar im „Hörster Krug“. Eines Sonnabends gingen sie auch wieder nach Hörste, und zwar zu Fuß hin und zurück. Das war eine ganz schöne Strecke. Jedenfalls waren sie dort hingegangen. Natürlich bekamen sie Ärger mit den Hörster Jungs. Der Alkohol spielte dabei eine beträchtliche Rolle. Es wurde also eine Rauferei, bei der unsere Jungs auch mit dem Wirt aneinander gerieten. Das ging so weit, dass das „Abbruch-Kommando“ seinem Namen nach in Aktion geriet.

Früher hatten die Kneipen auf der Theke einen rundum verzierten Aufsatz. Dieser Aufsatz war zirka 50 cm groß und war verziert mit bunten Bildern aus kleinen Kacheln oder Fliesen. Der Trupp war so mit dem Wirt aneinander geraten, dass sie den schönen Thekenaufsatz abmontierten und mit nach dem Holzkamp nahmen. Ob sie ganz ohne Rangelei nach Hause kamen, entzieht sich meiner Kenntnis. Im Holzkamp angekommen, beschloss man – man war ja inzwischen wieder einigermaßen zur Besinnung gekommen -, dass man den Thekenaufsatz beerdigen wolle, mit der Begründung, man müsse den Alkohol für immer beerdigen. Die Beerdigung sollte am Sonntagnachmittag stattfinden. Jeder sollte im schwarzen Anzug erscheinen. Der Vater von einem Jungen – er war nun informiert worden – wollte die Grabrede schreiben. Der „Poet“ war übrigens der Vater von meinem späteren Freund August Schewe, mit dem wir eine gute Freundschaft nach dem Kriege hatten. Die Beerdigung sollte da stattfinden, wo heute der Sportplatz des TuS Asemissen ist. Alles war auf die Minute geplant. Die Grabstelle wurde in einer kleinen Schonung bestimmt.

Pünktlich um 15 Uhr waren alle Teilnehmer erschienen. Auch waren noch einige Leute aus dem Holzkamp, die Wind von der „Beerdigung“ bekommen hatten, erschienen. Nur wir Kinder mussten uns von dem ganzen Theater in einer Entfernung ruhig verhalten. Wir konnten aber alles in gewissem Abstand verfolgen. Pünktlich um 15 Uhr fanden sich die „Trauernden“ an der Grabstelle ein. Eine Grube wurde ausgehoben und der „Leichnam“ zum Bestatten bereitgelegt.

Jetzt hielt der Älteste der Gruppe – ich glaube es war „Abbruch“ – die von Herrn Schwere aufgesetzte Grabrede. Wir hatten alles aus der Entfernung verfolgt. Der „Tote“ wurde feierlich herabgelassen, und die „Gruft“ wurde zugeschüttet. Ein paar Blumen aus dem Wald wurden aufs Grab gepflanzt.

Jetzt kam das Kuriose ander ganzen „Beerdigung“. Alle „Trauernden“ waren ja in Schwarz erschienen, stellten sich im Gänsemarsch auf, und los ging es. Wohin aber ging der Marsch? Sie hatten ja den Alkohol beerdigt. Man glaubt es kaum: Der Gänsemarsch ging in Richtung „Nuss“, der Gaststätte „Zur Eiche“ in Dahlhausen. Hier wurde, wie es zu meiner Kindheit nach Beerdigungen üblich war, in der nächsten Kneipe das Fell versoffen.

Was aus dem Thekenaufsatz geworden ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Man sagte, die Polizei wäre auch noch im Holzkamp gewesen.

Die Höhle in der Böschung

Das Grundstück unseres Hauswirts Hüls grenzte an die Kuhwiese, die zum Rittergut Niederbarkhausen gehörte. Die Wiese lag etwas tiefer als das Grundstück von dem alten Hüls. Der Höhenunterschied betrug etwa zwei bis drei Meter.

Eines Tages hatte Hüls beim Rundgang seiner Ländereien in der Böschung ein Loch gesehen. Es war der Eingang einer Höhle, so ähnlich wie ein Fuchsbau-Eingang. Der Eingang war nur größer. Der alte Hüls hatte sich am nächsten Tag auf die Lauer gelegt, um zu sehen, was für ein Tier in die oder aus der Höhle heraus oder herein lief. Es war am späten Nachmittag, als plötzlich ein Tier kam und in der Höhle verschwand. Es war kein Fuchs, sondern ein größeres Tier. Es war auch nicht rotbraun, sondern dunkelgrau.

Der alte Hüls wollte das Tier aus der Höhle holen. Wie – das war die Frage. Nach Hause zurückgekehrt, sammelte er die erwachsenen Männer, die er im Holzkamp auftreiben konnte, und beschloss, mit Ihnen bei Dunkelheit, bewaffnet mit Spaten, das Tier auszugraben. Es waren fünf bis sechs Männer, die am Abend mit Spaten zur Höhle marschierten. Es wurden Stalllaternen mitgenommen, damit man sehen konnte, wenn man dem Tier näher kam. Jetzt wurde einfrig gegraben, um den Gang der Höhle freizumachen.

Alle ware neugierig, was man denn vorfand. Der Gang wurde nun Meter für Meter freigegraben. Die Höhle war ziemlich tief, etwa 1,5 Meter. Eine ziemlich lange Höhle. Man hatte ungefähr fünf Meter freigegraben, als man plötzlich das Tier im Bau liegen sah. Was nun mit der Kreatur geschah, wurden wir Kinder nicht gewahr. Wir mussten nach Hause gehen. Ich weiß nicht, was die Männer mit dem Tier machten. Hatte man es erschlagen oder laufen lassen? Es hatte sich als friedliches Wesen, als Dachs herausgestellt. Das haben wir Kinder von unseren Eltern erfahren.

Dieses Ereignis war natürlich eine Sensation und wurde lange im Dorf erzählt.

Krawall um Mitternacht

Um den Tathergang näher zu beschreiben, muss ich etwas ausholen.

Wir, unsere Familie, wohnte ja im vorigen Jahrhundert in den ’30er Jahren im Holzkamp, einem Ortsteil von Greste, und zwar bei einem Kleinbauern, Friedrich Hüls, zur Miete. Man sagte damals „Kuhbauern“. Dieser Kuhbauer hatte zwei Kühe, die nicht nur Milch gaben, sie mussten auch in der Landwirtschaft, zum Beispiel beim Ackerpflügen, Eggen und auch bei der Ernte tüchtig mithelfen. Nur im Winter standen sie nur im Stall und brauchten nur noch Milch geben, die zu Butter verarbeitet wurde.

Im Schweinestall waren etliche Schweine und eine Sau, die die Ferkel groß zu ziehen hatte.

Eine Straße, das heißt, ein breiter Feldweg, der wohl mit Kalkschotter bedeckt war, ging von der Grester Straße durch das Holzkamp. Am östlichen Ende des Holzkamps machte die Straße einen Bogen um neunzig Grad, um dann wieder unterhalb der Eisenbahn auf die Grester Straße zu münden. In diesem Bogen der Straße befand sich das Haus mit Teil Ackerland, Wiese und Bauernhof. Insgesamt etwa ein Hektar. Die Straße führte also um das Hofgelände von dem Kuhbauern herum. Von der Straße ging ein Fußweg zum Wohnhaus, ferner ein breiter Fahrweg von der Straße direkt zum Haus bis vor die Nientür, wie man sagte. Diese Tür war so groß, damit man mit dem Kornwagen bis auf die Deele fahren konnte, um das Korn in Garben auf den Dachboden zu bringen, wo es bis zur Dreschung tocknete.

Die Straße, die durch das Holzkamp führte, hatte eine Nebenstraße, die Viehstraße, die bis Helpup durch den Mackenbruch ging. Wer zum Beispiel von der Grester Straße durchs Holzkamp nach Mackenbruch wollte, musste um das Grundstück von unserem Hauswirt herum. Man konnte aber, um den Weg zu verkürzen, über den Hof von Hüls gehen und so wieder auf die Straße nach Helpup kommen. Man hatte wohl etwas den Weg verkürzt, aber nicht viel gewonnen.

Im Nachbarort, Klein-Hamburg genannt, wohnte ein Junggeselle, der ein Sonderling war und überall bekannt war. Man nannte ihn Tanken-Oerli. Arbeit hatte er im Mackenbruch bei der Möbelfirma L+F. Diesen Weg machte er jeden Tag zu Fuß. Im Holzkamp, durch das er kam, benutzte er auch des Öfteren die Abkürzung über den Hüls-Hof. Wenn er aber vom alten Hüls, der als „Gröler“ bekannt war, gesehen wurde, bekam Oerli eine gewaltige Schimpfkanonade zu hören. „Wat dois diu up muinen Howe!“ Der Alte jagte Oerli wieder auf die Straße zurück. Das wiederholte sich des Öfteren.

Im Sommer, um 1932, war in Helpup Kriegerfest. Es war in der Nacht von Sonnabend auf Sonntag. Wir lagen alle schon lange zu Bett. Es muss so gegen Mitternacht gewesen sein. Wir wurden durch ein gewaltiges Grölen aus dem Schlaf gerissen. Unten im Hause war die Hölle los. Wir liefen alle nach unten und sahen den alten Hüls auf der Deele stehen, mit einer Mistforke, vor – man glaubt es kaum – Oerli, der sich soeben die Hose hochzog. Der Alte schrie: „Was dois diu Schwuin up muine Dell und schiss achter de Delldür!“ Es wäre noch zu erwähnen, dass man in den Dörfern nachts keine Tür abschloss.

„Wenn dui dat ich wia reujen mags, zeige ek di morn bui der Polizei an!“ Der Hüls gab Oerli einen Schrubber und eine Plattschüppe, einen Eimer mit Wasser. Nun blieb Oerli nichts anderes übrig, er musste alles wieder sauber machen.

Der Alte sagte: „Oerli, wenn diu morn nicht Abbidde dois, zeige ek di doch nou an.“ Jetzt gab Oerli an, dass er in Helpup auf dem Kriegerfest gewesen war und wohl etwas zu viel getrunken hatte. Auf dem Weg nach Hause durchs Holzkamp überkaum ihn der Drang nach Notdurft. Jetzt hatte er die teuflischste Idee, dem alten Hüls eins auszuwischen. Da er ja auch wusste, dass die Türen in den Dörfern nachts nicht verschlossen waren, ging durch die Nientür und setzte einen Haufen hinter die Tür. Darüber war wohl der Hüls wach geworden, und ein gewaltiges Donnerwetter brach herein.

Oerli kam am nächsten Tag und leistete Abbitte. Innerlich haben wir lange über die Sache gelacht.

Hochwasser

Es war im Jahr 1928. Ein Unwetter hatte auch unser kleines Dorf Holzkamp heimgesucht. Es waren nach einem schweren Gewitter riesige Wassermassen vom Himmel gefallen. Der Bach, der durch den Ort floss, war plötzlich ein reißender Fluss geworden. Die Breite des Bachs war von zirka einem Meter auf mehrere Meter angewachsen. Die Straße, die im Dorf über den Bach führte, war vollkommen unter Wasser.

Die Wiesen standen unter Wasser. Der Straßendamm war so hoch, dass sich dadurch ein See gebildet hatte. Es war an einem Sonnabend im Sommer. Die jungen Männer, die schwimmen konnten, wagten sich in die Wiesen und schwammen in der braunen „Brühe“, die sich durch das, was mit dem Bach angeschwemmt war, gebildet hatte.

Da der riesige Bach von Oerlinghausen her kam, führte er alles Mögliche mit sich. Tote Schweine, Tische und Stühle, alles Mögliche an Hausrat, was nicht feststand, kam mit dem reißenden Wasser den Bach herunter. Für uns Kinder war das Ganze eine Sensation. Die Häuser, die höher lagen, waren von dem Unwetter verschont geblieben.

Man konnte nicht mit trockenen Füßen die Brücke passieren. Um doch über die Brücke zu kommen, ohne nasse Füße zu kriegen, hatte sich zum Gaudi der Dorfbewohner ein Hausschlachter, der ja Stiefel besaß, bereit erklärt, Frauen über die Brücke zu tragen, und zwar auf seinen Schultern.

Diese Episode war lange Zeit in aller Munde. Das Hochwasser ging nach Tagen wieder zurück. Der Bach nahm dann wieder seinen normalen Verlauf.

Margrets Dauerwelle

Meine Nichte Margret, die Tochter meiner Schwester, hatte mit vierzehn Jahren noch schöne lange Zöpfe. Eines Tages, als sie bei uns zu Hause war, meine meine Frau Lore: „Margret, willst du noch keine Dauerwelle haben?“

Sie mochte wohl. Sie hatte zuhause gefragt, ob sie nicht eine Dauerwelle haben dürfte. Ihr Vater war strikt dagegen. Ihre Mutter war dafür. Lore und ich beschlossen, vereint mit Margret und Mutter, am Sonnabend die Dauerwelle zu machen und den Vater vor vollendete Tatsachen zu stellen. Margret blieb dann bis Sonntag bei uns. Sie hatte Bammel, nach Hause zu gehen.

Am Sonntag dann ging Margret nach Hause. Der Vater sah das Ganze noch nicht. Margret hatte eine Mütze auf. Wie die Mütze abgenommen werden musste, ging ein Riesenkrach los. Der Vater: „Die schönen Zöpfe!“ Er schimpfte sehr. Später war er sehr stolz auf seine Tochter. Er behandelte sie jetzt nicht mehr wie ein Kind.

Der Morgenkaffee

Meine Mutter und die Frau des Hauswirts, Minna Hüls, haben sich immer gut verstanden. Wir Kinder sagten nur „Tante Minna“ zu ihr. Bei Hüls wurde kein Bohnenkaffee, sondern Muckefuck getrunken. Der Alte ging jeden Sonnabend nach Oerlinghausen – zu Fuß. Er hatte einen Korb voll Kuhbutter, Wurst, Eier und Speck, alles aus eigener Haltung, um es in Oerlinghausen bei einer alten Kundschaft zu verkaufen. Die Kundschaft bestand aus Ärzten, Kaufleuten und sonstigen Bekannten. Ihm wurden die Produkte gerne abgekauft. Er war dann zur Mittagszeit wieder zu Hause.

Um diese Zeit, wo der Alte nicht da war, zu nutzen, kann Tante Hüls jeden Sonnabend schnell nach oben zu meiner Mutter. Sie brachte dann richtigen Bohnenkaffee mit, den sie vor dem Alten versteckt hatte. Die beiden Frauen tranken dann gemütlich und genüsslich Kaffee. Sie blieben solange zusammen sitzen, bis man den Alten durch unser Fenster kommen sah. Dann musste die Tante schnell wieder nach unten. Hüls durfte ja nicht wissen, dass seine Frau bei uns gewesen war, um Kaffe zu trinken. Er bekam nur eine kleine Kriegsrente. Sie mussten hauptsächlich von den Landwirtschaftsprodukten leben.

Am Lonnerhof

Da man uns beim Lonnerhof duldete, mussten wir mit den Kindern des Kleinbauern auch mithelfen, Ställe ausmisten und für die Schweine Kartoffeln in einem großen Dämpfer kochen. Nach dem Garen wurden die Kartoffeln ungeschält über eine mit Hand gedrehte Mühle fein gedreht. Ehe das Mahlen losging, holten wir uns schnell ein paar große Kartoffeln heraus, pellten sie und aßen sie auf. Wir hatten oft nicht unbedingt Hunger, aber Lust auf Essen.

Wenn dann die Arbeit getan war, konnten wir mit den Kindern des Lonner irgendetwas unternehmen.

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